Zugfahrt

Der Morgen begann damit, dass ich bereits um 5:45 Uhr aufstand und mein Zeug machte und aus dem Hostel auscheckte. An der Washington and 9th wartete ich dann auf meinen Bus, der mich nach Miami Downtown bringen sollte. Der Bus kam 6:50 Uhr und als ich einstieg mit meinem schweren Koffer winkte mich ein ca. 40 jaehriger Schwarzer zu sich. Da dies die besten Plaetze zum Sitzen mit einem Koffer waren und alle anderen sonst besetzt waren, setzte ich mich neben ihn.

Dieser Typ fragte mich dann gleich, woher ich komme und zeigte mir auf seinem iPhone ne Menge Fotos mit auslaendischen Frauen, die er an South Beach kennen gelernt hat (er wohnt dort). Er begann dann zu singen “I’m too sexy for South Beach” und nannte mich Byoncee. Uns gegenueber sassen zwei andere, eher juengere Typen, die grinsten, mich zu bemitleiden schienen und uns zuhoerten. Und ein weiterer, schraeger Typ sass mir gegenueber und mischte sich in unser Gespraech ein.

Na ja, in solchen Situationen (das hoert sich an, als ob ich schon viele gehabt haette) versuche ich immer zu lachen. Er wollte dann auch ein Foto mit mir machen, legte mir seinen Arm um die Schultern und gab mir schliesslich noch einen Kuss auf die Haare und meinte, ich sei nun gesegnet (blessed). An der Endstation “Government Center” angekommen, gab er mir dann noch einen Schmatzer auf die Wange zum Abschied…

Manchmal frage ich mich echt, warum ich immer an so schraege Typen gerate!

Jedenfalls machte ich mich dann auf den Weg zur Metrorail Station und loeste ein Ticket fuer zwei Dollar und fuhr Northbound bis zur Tri-Rail Station. Scheinbar ist der Norden von Miami nicht besonders sicher. Dort angekommen dachte ich eigentlich, dass ich den Bahnhof Amtrak gleich sehen sollte, doch ich konnte nichts erkennen, weshalb ich zwei Bahnangestellte des Tri-Rail anquatschte. Diese waren echt hilfsbereit und erklaerten mir den Weg und riefen mir sogar nach, als ich erst in die falsche Richtung laufen wollte.

Nach ein paar Gehminuten hatte ich dann auch schon den Bahnhof erreicht, der den Namen Bahnhof eigentlich gar nicht verdient hat: ein ziemlich grosser Haus mit einer Bahnhofshalle, aehnlich wieder wie an einem Flughafen wo es so was wie einen Warteraum gibt und einen Ticketschalter. Ich versuchte mein Ticket, das ich im Voraus bereits uebers Internet gekauft hatte, am Selbstbedienungsautomat auszudrucken, doch das funktionierte nicht, weshalb ich zur Dame am Schalter ging.

Irgendwann gegen 8:30 Uhr wurde dann die Tuere geoffnet, unsere Tickets kontrolliert und wir wurden ins freie gelassen, wo wir zum gleich anschliessenden Perron laufen konnten. Unser Zug stand bereits da. Von aussen sah er etwas wie ein Vorkriegsmodell aus, das naechstens auseinander faellt. Bei der ersten Tuere wartete ein Kondukteur, der mir dann zu verstehen gab, dass ich einen Waggon weitergehen muss, da nicht jeder Waggon gleich weit faehrt. Beim naechsten Waggon angekommen erhielt ich zusaetzlich noch einen kleinen Zettel mit der von Hand geschriebenen Nummer 4 drauf. Dies sei mein Sitzplatz.

Der Zugangestellte, der am Waggoneingang stand hob mir sogar den Koffer hoch, da sich der Eingang ca. 1m ueber dem Boden befand. Das fand ich sehr zuvorkommend. Von innen sah der Zug eher wie die erste Klasse bei uns aus; lange nicht so modern, aber breite, weiche Sitze, die man auch nach hinten wie im Flugzeug herunterlassen konnte und zwei auf jeder Seite des Ganges alle in Fahrtrichtung schauend. Ich war zuhinterst platziert worden und sass neben einer pensionierten Dame, Grace. Der Rest des Zugabteils war praktisch leer. Spaeter stellte sich heraus, dass die spaeter zugestiegenen Fahrgaeste dann den Waggon “auffuellten”. So ist es natuerlich praktischer wegen dem Gepaeck.

Grace, eine sehr nette Dame aus Miami, wollte ihre 20 Jahre aeltere Schwester in der Naehe von Orlando fuer ein paar Tage besuchen gehen. Sie begleitete mich deshalb bis kurz nach Orlando bis zur Station Winter Park. Wir unterhielten uns praktisch waehrend der ganzen Fahrt, was sehr interessant war. Sie erzaehlte mir von ihrem Leben, ihrem Mann, der urspruenglich aus Kuba kommt, Miami und ausserdem, dass es eine Abstimmung darueber gegegeben hatte, ob eine Schnellzuglinie auf einer kurzen Strecken irgendwo zwischen Jacksonville und Miami gebaut werden soll. Leider kam dies dann nicht zu Stande, da der Gouverneur dafuer zu viel Geld haette ausgeben muessen. Deshalb besteht jetzt immer noch nur diese eine Strecke, wo der Zug ziemlich oft anhaelt. Zudem gibt es zeitweise nur ein oder zwei Geleise, so dass ein entgegenkommender Zug manchmal warten muss.

Unser Zug fuhr puenktlich um 8:40 Uhr los. Leider… stoppte der Zug dann zwischendurch zweimal ohne Vorankuendigung und blieb dann 5 bis 15min einfach mitten im Nirgendwo stehen. Beim zweiten Mal kam dann der Zugchef vorbei und informierte uns, dass irgendwas kaputt sei und sie deswegen nicht weiterfahren koennen und sie erst die Bedienungsanleitung lesen muessen. Er sagte wirklich: “They first have to read the manual!” Ich konnte mich kaum halten vor Lachen und auch Grace, die zwischendurch immer wieder ihre Schwester telefonisch informierte, musste dabei lachen als sie ihrer Schwester mitteilte, was passiert war.

Irgendwann setzte sich unser Zug dann endlich wieder in Bewegung (wann immer er stand, setzte die Klimaanlage und das Licht aus und es begann warm zu werden im Zug), fuhr jedoch nur im Schritttempo weiter waehrend ca. 20 Minuten und hielt dann ploetzlich wieder mitten im Nirgendwo an. Nach einer Weile (es war schon fast stickig im Zug und mittlerweile war unser Zug schon etwa eine Stunde verspaetet) fuhr unser Zug dann ploetzlich eine kurze Strecke rueckwaerts und ploetzlich stand etwa 10m entfernt von uns zwei Zugvorderteile (Engines) auf einem anderen Gleis. Eine der Engines wurde dann abgekoppelt und und schliesslich vor unseren Zug gepflanzt. Unser Zugchef hatte uns dann noch informiert, dass dies nun die Loesung sei. Dabei erschien er mir mehr wie ein Kollege als ein Angestellter der Bahn.

Grace und ich fanden das Ganze recht lustig und hatten ne gute Zeit. Sie liess mich sogar zwei Mal Sergio anrufen, den ich ja in Jacksonville treffen sollte, damit ich ihn ueber die Situation informieren konnte. Normalerweise haette ich mich wohl ziemlich ueber so eine Verspaetung geaergert, aber wenn man in den Ferien ist, ist das irgendwie nur halb so schlimm.

Nachdem nun die neue Engine an unser Zugvorderteil gekoppelt worden war, fuhr unser Zug endlich normal weiter. Eigentlich hatte ich ja gehofft, der Zug koennte dann die Verspaetung wieder aufholen, doch nichts dergleichen geschah, sondern ab und zu hielt er auch noch an den naechsten Station extrem lange – laenger als noetig. Grace verliess dann schliesslich gegen 17 Uhr den Zug, obwohl sie bereits um 14:30 Uhr haette dort sein sollen.

Den Rest der Zugfahrt verbrachte ich dann damit, mit meinem neuen Nachbar, der auf der anderen Seite des Ganges sass, zu plaudern. Waehrend der Fahrt hatte mir Grace ausserdem noch eine Banane und selbstgebackenes Bananenbrot geschenkt. Und der Mann neben mir (um die 50 Jahre), Steve, gab mir eine Flasche Wasser und wollte mir sogar ein Sandwich schenken. So kamen wir dann ins Gespraech und es entstand eine nette Unterhaltung daraus. Er reiste mit seiner 94 jaehrigen Mutter von etwas oberhalb Miami nach New York. Er moechte eigentlich fliegen, weil die Fahrt dauert um die dreissig Stunden, aber sie will partout nicht. Ich habe ihm schliesslich auch Schoggi geschenkt, weil wir uns noch ueber Schokolade unterhalten haben und ich ihn mochte. Er hat sich sehr gefreut und will die Ragusa-Tafel mit nach Hause nehmen und auch seiner Familie zum Probieren geben.

Irgendwo weiter vorne im Zug gab es auch einen Restaurant-Waggon, doch ich bin nie hingegangen, aber mir kamen immer Leute entgegen, die eine Kartonschachtel in den Haenden hielten mit Esswaren und Getraenken drin.

Als wir dann endlich in Jacksonville eintrafen, war es bereit 20:15 Uhr. Unser Zug hatte somit eine Verspaetung von sagenhaften 3 Stunden! Sergio war zu dieser Zeit noch an einer Veranstaltung und konnte mich deswegen nicht abholen kommen. Ich sollte also seine Mutter anrufen, doch bei ihr erreichte ich nur die Combox. Per SMS kontaktierte ich dann wieder ihn und er organisierte dann, dass mich seine Mutter ca. 15 Minuten spaeter abholen kam.

Eine kleine, sehr aufgestellte und enthusiastische Frau erwartete mich und fuhr mich dann in den noerdlichen Teil von Jacksonville, wo sie in einem einstoeckigen “Blech”haus im “Ghetto-Gebiet” wohnen zusammen mit ihrem kleinen Hund Duke. Nach einer Weile erschien dann auch Sergio und etwas spaeter ging ich auch schon ins Bett, weil ich so muede war.